Vor fünf Jahren haben Oliver und ich beschlossen, alles hinter uns zu lassen. Unser Zuhause, unser gewohntes Leben in Deutschland. Wir sind eine Patchwork-Familie mit fünf Kindern – und wir sind trotzdem gegangen. Oder vielleicht gerade deshalb.
Dieser Artikel ist kein Hochglanzreisebericht. Er ist das, was ich mir damals gewünscht hätte zu lesen – ehrlich, konkret, mit den Rückschlägen, die dazugehören.
Warum überhaupt auswandern?
Es gab keinen einzigen dramatischen Moment. Es war ein schleichender Prozess. Irgendwann haben wir gemerkt: Das Leben, das wir führen, ist nicht das Leben, das wir wollen. Wir wollten mehr. Mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Leben.
Am 31. August 2021 sind wir nach Kroatien ausgewandert. Heute sind das fünf Jahre. Und seit gut einem Jahr haben wir eine zweite Basis in Südafrika.
Ich habe hier jahrelang sehr positiv über Kroatien geschrieben. Heute sehe ich vieles anders. Das ist der eigentliche Grund, warum ich diesen Text schreibe – nicht Kroatien.
Fünf Jahre. Ich weiß noch, wie das Licht war.
Was mich damals zuerst umgehauen hat, war nicht die Landschaft. Es war das Licht. Ich kam aus Deutschland und dachte in den ersten Wochen mehrfach: So sieht das hier also aus, wenn nichts grau ist.
Wir waren viel unten am Wasser. Es gab da ein Restaurant, die Bracera, direkt an der Küste, manchmal mit Livemusik. Die Kellner waren unglaublich nett, das Essen war gut. Wir waren da oft – nicht weil es besonders war, sondern weil es normal war. So etwas war hier Alltag.
Die Kinder haben sich schneller eingelebt als wir. Die Nachbarskinder standen einfach da und haben mitgespielt. Keine Verabredung, kein Termin, kein Elternchat.
Und die kleine Dorfschule hat mich ehrlich begeistert. Kleine Klassen. Handyverbot. Kinder, die miteinander geredet haben, statt nebeneinander auf Displays zu starren. Dazu überall alte Golfs, niemand, der zeigen musste, was er sich leisten kann. Genau das hatten wir gesucht: einen Ort, an dem der Wert eines Menschen nicht am Auto vor der Tür hängt.
Das waren gute Jahre. Ich schreibe das so ausführlich, weil das Folgende sonst falsch klingt.
Dann haben wir angefangen zu bauen
Wir haben von Anfang an hier gekauft, nicht eine Immobilie, sondern mehrere. Und irgendwann kam ein Gefühl, das ich lange weggeschoben habe: dass vieles vor allem deshalb passierte, weil wir Geschäft mitbrachten. Ich habe es mir jahrelang weggeredet. So läuft das überall, wenn gebaut wird. Du bist zu empfindlich.
Was ich viel zu spät gemerkt habe: Rückblickend war ich in dieser Zeit gar nicht in meiner guten Energie. Es wurde viel geredet – alles super, alles kein Problem – und dann stimmte vieles davon einfach nicht. Von Grundstücken, bei denen nicht alles sauber war, bis zu Zusagen, die niemand gehalten hat. Über Jahre. Ich habe das übergangen und immer weiter gemacht.
Es gibt hier selbstverständlich auch die anderen. Menschen, die uns geholfen haben, ohne zu rechnen, und die ich bis heute sehr schätze. Nicht viele, aber es gibt sie. Geschäftlich war meine Erfahrung überwiegend eine andere. Irgendwann wurde mir klar: So möchte ich nicht arbeiten. Deshalb haben wir eine unserer Firmen später auch verkauft.
Und dann hat sich das verändert, wofür ich hergekommen war
Die Bracera gibt es nicht mehr. Vor etwa zwei Jahren hat sie geschlossen, der Platz liegt heute brach. Wenn ich heute essen gehe, zahle ich zehn bis fünfzehn Euro für eine Pizza, die meistens tiefgekühlt war, und die Bedienung ist oft schlicht genervt. Das verstehe ich sogar – mit dem Euro ist vieles teurer geworden, auch für die Betriebe. Für mich bleibt es trotzdem eine Haltungsfrage.
Vor zweieinhalb Jahren wurde ich in die Schule einbestellt. Es ging um eines meiner Kinder. Man sagte mir, es passe nicht so richtig, es füge sich nicht ins Bild. Später gab es Situationen mit Mobbing, ich bin hingegangen, und dann kam der Satz: Wir können da nichts mehr machen. Denselben Satz hatte ich in Deutschland gehört, kurz bevor wir gegangen sind.
Draußen veränderte sich auch etwas. Die Nachbarskinder, die vorher einfach da waren und Fußball gespielt haben, saßen irgendwann vor dem Handy. Und wo früher alte Golfs standen, stehen heute bei vielen Familien drei neue Autos vor der Tür. Ich will niemandem seinen Wohlstand vorwerfen. Mir geht es um das Tempo: Was ich in Deutschland über zehn oder fünfzehn Jahre beobachtet habe, ist hier in kürzester Zeit passiert.
Dazu Dinge, die schwerer zu beschreiben sind. Die Luft fühlt sich für mich nicht mehr frisch an. Der Müll liegt in den Wäldern – und ehrlich: Das war früher auch schon so, es hat mich nur damals nicht so gestört. Da habe ich mich verändert, nicht das Land.
Und das ist der Punkt, an dem ich etwas verstanden habe: Es gibt kein Land, in das man vor so etwas fliehen kann.
Deshalb Südafrika
Südafrika ist im Moment der Ort, an dem ich frei atmen kann. Ganz wörtlich und auch sonst. Wo ich Ideen habe. Wo Natur da ist – und, fast wichtiger: Natur, die auch geschützt wird.
Wenn ich dort essen gehe, stellt sich der Kellner vor. Hi, ich bin James. Fröhlich, freundlich, zugewandt. Das ist keine Kleinigkeit, das prägt einen ganzen Tag. Es ist genau das, was ich hier vor fünf Jahren so geliebt habe.
Und etwas, das mich selbst überrascht hat: Unsere Kinder laufen frei herum. Ich weiß, wie das klingt. Südafrika ist kein sicheres Land, das behaupte ich auch nicht. Aber Sicherheit entscheidet sich dort nicht am Land, sondern am Ort – wenige Kilometer machen den Unterschied. Wer dorthin geht, muss sich sehr genau ansehen, wohin. Für uns funktioniert es da, wo wir sind. Mehr sage ich dazu nicht.

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Auswanderung, Freilernen, finanzielle Unabhängigkeit — aus eigener Erfahrung.
Worum es mir eigentlich geht
Kroatien bleibt erst mal eine unserer Basen. Hier haben wir weiterhin eine Firma, hier beenden wir unsere Baustellen. Wie lange das so bleibt, weiß ich nicht. Im Moment verbringe ich einfach lieber Zeit in Südafrika.
Was ich wirklich weitergeben möchte, ist etwas anderes: Hinterfragt immer wieder alles. Auch das, was Ihr selbst einmal entschieden habt. Was vor fünf Jahren der absolute Traum war – in meinem Kopf, auf diesem Blog, in jedem Beitrag –, kann heute völlig anders aussehen.
Das ist kein Scheitern. Sich einzugestehen, dass man sich geirrt hat oder dass etwas nicht mehr passt, ist für mich das Gegenteil davon. Es ist Wachstum. Der Fehler wäre, alles hinzunehmen, weil man es einmal so beschlossen hat.
Ehrlich zu sich selbst zu sein, ist unbequem, und ich schaffe das nicht allein. Olli ist derjenige, der immer wieder fragt: Guck Dich um. Ist das wirklich noch das, was wir wollen? Ist das wirklich das, was wir für unsere Kinder aussuchen würden?
Man sieht es an unserem Weg gut. Erst die Schule in Deutschland. Dann die Schule in Kroatien. Dann raus aus der Schule, in einen Mix aus Homeschooling und Freilernen. Und heute sind die Kinder Freilerner und gehen in Südafrika ins Lerncamp. Jeder dieser Schritte war ein Prozess, keiner war von Anfang an geplant.
Deshalb schreibe ich das hier auf. Nicht, um ein Land schlechtzureden – für jemand anderen ist Kroatien vielleicht genau der Traum, der es für mich ein paar Jahre lang war. Sondern weil sich vieles ändert, wenn man bereit ist, ehrlich hinzuschauen. Auch auf sich selbst.
Fazit
Fünf Jahre Kroatien, ein Jahr Südafrika. Was ich daraus mitnehme, ist kein Urteil über zwei Länder, sondern eine Frage an mich selbst, die ich mir viel zu spät gestellt habe: Passt das hier eigentlich noch?
Und deshalb gebe ich sie weiter: Wann habt Ihr Euch zuletzt eingestanden, dass etwas nicht mehr passt – und was habt Ihr daraus gemacht? Schreibt es mir gern in die Kommentare.


