„Ach wie schön, dass ihr das macht." Diesen Satz höre ich oft. Er ist nett gemeint, aber er beschreibt nur die Oberfläche: freie Kinder, entspannte Eltern. Was darunter liegt, kommt darin nicht vor.
Ich sage das nicht von oben herab. Vor sechs Jahren sind wir ausgewandert, zuerst nach Kroatien – und damals wollte ich, dass unsere Kinder ganz normal zur Schule gehen. Vor dem Freilernen hatte ich großen Respekt, und ehrlich gesagt konnte ich es damals noch gar nicht zulassen. Erst seit zwei Jahren gehen wir diesen Weg. Dazwischen liegt ein langer Prozess.
Wenn ich ehrlich bin: Schule bedeutet auch, dass sich viele Stunden am Tag jemand anderes kümmert und man selbst den Kopf frei hat. Man denkt, die Fachleute wissen schon, was richtig ist – bis der Zweifel kommt. Werden meine Kinder hier gefördert oder eher verbogen? Diese Frage war der Anfang von allem.
Erst müssen alle wieder lernen, selbst zu wollen
Was danach kommt, unterschätzen viele. Man nimmt die Kinder raus, und dann kommt niemand vorbei und sagt, was zu tun ist. Kein Stundenplan, keine Struktur von außen. Genau da beginnt die eigentliche Arbeit. Denn Schule bringt vielen Kindern vor allem bei, zu konsumieren: auswendig lernen, wiedergeben, den Kopf nicht selbst anstrengen. Aus diesem Muster müssen erst mal alle wieder heraus – die Kinder und die Eltern. Ich stecke selbst noch in altem Denken: Leistung, Vergleich, die Angst, mein Kind könnte „hinterherhinken". Das loszulassen dauert Jahre.
Ich sage das aus eigener Erfahrung, und ich weiß, wie viele Fragen in dieser Phase hochkommen. Genau deshalb biete ich inzwischen persönliche Gespräche an, in denen ich einfach ehrlich erzähle, wie es bei uns wirklich war – ohne Hochglanz, ohne Patentrezept. Nicht, weil man das braucht, um loszugehen, sondern weil mir damals selbst so ein Gespräch gefehlt hat. Wer mag, findet die Details unter Reden wir.
Freiheit heißt nicht, dass es keine Grenzen gibt
Das ist mir wichtig, weil ich beides erlebt habe: Kinder, die begleitet werden, und Kinder, denen im Grunde nur gesagt wird „mach, was du willst". Das Zweite führt nicht zu Freiheit, sondern zu Haltlosigkeit – zu Kindern, die nicht wissen, wohin mit sich. Echtes Begleiten ist das Gegenteil: Dinge gemeinsam durchgehen, hinterfragen, zum eigenen Denken anregen, in Wünschen und Zielen stützen. Das ist anstrengend. Es ist im Grunde ein Fulltime-Job, den man kaum allein stemmt – man braucht einen Partner, der mitzieht.
Reisen ist einfach. Der Alltag ist der eigentliche Test
Etwas hat mich selbst überrascht: Solange wir unterwegs waren, war Freilernen fast leicht. Jeden Tag etwas Neues – Kaffeefarm, Kakaoernte im Dschungel, ständig neue Reize, nebenbei enorm viel gelernt. Dann kehrt Ruhe ein, der Alltag beginnt, und mit ihm die Langeweile. Kinder zu begeistern, wenn nichts von außen einströmt, ist ungleich schwerer. Das ist der eigentliche Test.
Was uns am meisten geholfen hat: jemand, der schon mittendrin war
Als unsere Tochter Lena den Schritt gegangen ist, haben wir sie mit einem anderen, älteren Freilerner zusammengebracht. Er hat sie nicht gecoacht – er hat ihr einfach erzählt, wie er seinen Alltag gestaltet, wo er sich sein Wissen holt, wie er mit Zweifeln umgeht. Dieses eine Gespräch von jemandem, der es selbst lebt, hat sie mehr motiviert als alles, was wir Eltern sagen konnten.
Genau das gibt Lena heute selbst weiter. In einem persönlichen Video-Call teilt sie mit Jugendlichen, die ihren eigenen Weg suchen, ihre echten Erfahrungen rund ums Freilernen und ein freieres Leben – kein Idealbild, keine Theorie, sondern gelebte Praxis. Sie bietet diese Calls für einen kleinen Energieausgleich von 25 Euro an. Wer mag, meldet sich per Mail an lena@hejhappynewlife.com – Betreff: Call Lena. Ihre eigenen Texte findest du unter Generation Z.
Wir lehnen nicht alles ab, was nach Schule aussieht
Was wir nicht mehr wollten, war eine ganz bestimmte Schule: acht Stunden stillsitzen, Stoff schlucken, und die Botschaft dahinter, dass das Kind selbst nicht zählt. Aber Lernen mit anderen ist etwas anderes. Unsere Kinder gehen hier in Südafrika vormittags in ein Lerncamp – für soziale Kontakte, aber auch, weil sie dort Dinge lernen, die wir zu Hause gar nicht abdecken können. Man kann eben nicht alles selbst.
Unser Lerncamp: NatureLore (Western Cape)
NatureLore ist eine Art Lerncamp – naturnah, kindzentriert und an Waldorf-Prinzipien orientiert. Es gibt eine jüngere Gruppe ebenso wie eine Academy für Teenager mit Hauptunterricht, Mathematik, Naturwissenschaften und Handwerk. Für uns ist es kein Ersatz fürs Freilernen, sondern eine Ergänzung: ein Ort für soziale Kontakte und für Dinge, die wir zu Hause nicht abdecken können.
Mehr Infos: www.naturelore.co.za
Deshalb: erst denken, dann rausnehmen
Ich sehe es kritisch, wenn Eltern sagen: „Wir nehmen die Kinder raus und schauen mal." Gerade wenn man noch voll im Job steht, wird das sehr schwer, weil Begleitung jeden Tag Zeit braucht. Freilernen ist nicht für jede Familie – nicht, weil manche Eltern zu schlecht dafür wären, sondern weil es einen Lebensstil und äußere Umstände voraussetzt, die nicht bei allen gegeben sind. Sich dagegen zu entscheiden ist kein Versagen. Es ist Ehrlichkeit.
Wenn du mit dem Gedanken spielst, sind das für mich die ehrlichen Fragen vorab: Habe ich wirklich Zeit – jeden Tag, nicht nur in der Theorie? Ziehen mein Partner und ich an einem Strang? Halte ich Phasen aus, in denen scheinbar „nichts" passiert? Und bin ich bereit, an meinem eigenen Denken zu arbeiten, nicht nur am Lernen meiner Kinder? Wer hier ehrlich zögert, hat nichts falsch gemacht. Er ist nur ehrlich.
Fazit
Freilernen ist kein Ausstieg und kein Selbstläufer. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Zeit, Haltung und ehrliche Selbstprüfung verlangt – von den Kindern und von uns Eltern. Nicht für jede Familie passt dieser Weg, und das ist keine Wertung, sondern Ehrlichkeit. Aber niemand beantwortet an Tag eins alle Fragen mit Ja. Auch ich war vor sechs Jahren nicht so weit. Man wächst hinein – wenn man bereit ist, sich selbst mitzunehmen.
Wie ist das bei dir? Spielst du mit dem Gedanken, seid ihr schon mittendrin, oder habt ihr euch bewusst dagegen entschieden? Schreib es gern in die Kommentare – ich lese mit und antworte dir.

